DIE BRAVEN WEISSEN *** МОЛОЦИЕ БЕЛЫЕ

Was tun in einer Stadt, in der man vom Boden essen kann ? Gomel (Belarus/BY) macht ratlos.

Bloß einer unter vielen: Hbf. Gomel (BY)

 

Das Intro: ein wuchtiger Bahnhof. Davor: schaumgebremstes Durcheinander. Taxisten mit Taxametern (!). Läden, Buden, brave Steuerzahler. Das magische (?) Dreieck beginnt hier: das städtische Navigationsdreieck aus Lenina, Sowjetskaja und Peremohi. Innerhalb und entlang dieses Dreiecks findet man: Restaurants, Imbissläden, Cafes, Putzereien, Optiker, Frisiersalons, Supermärkte, Apotheken und sogar einen Army-Shop. So weit, so ... normal. Die Hotels ? Weit draußen am Rande der 500 000 Einwohner-Stadt. Die Attraktionen ? Vermutlich gerade zur Wartung in Minsk oder Moskau.

 

Die Belustigungen ? Nun, ein bunt irrlichternder Springbrunnen im Zentrum, daneben das postmoderne Gesäule des Zirkus (hinter dem sich das Einstern-Hotel "Zirkus" - nona - versteckt), zwei Terrassenrestaurants mit eingebauter Disko, das wars dann schon im Zentrum. Jaja, es gibt so etwas wie ein zweites Stadtzentrum, vier Trolleybus-Stationen östlich des Zirkusareals. Dort punktet der klar als solcher erkennbare Aufmarschplatz (der Leninplatz, inklusive der pflichtschuldigen Riesenstatue des Namensüberlassers) mit - viel Platz. Für den Autoverkehr, die Fussgänger und verschiedenste Leistungsschauen, wie etwa: das Militär, die Kinder, die Flussmarine, die Gewerkschafter der Regionaladministration oder: die Feuerwehr samt Katastrophenschutz.

Rotes Blaulicht am Leninplatz: Kind & Kegel, gehorsam.

 

Dahinter beginnt das erstaunlich weitläufige Areal eines Parks, der den Leninplatz einfriedet, mehrere Kirchen umgürtet und den Fluß, die Sosch, säumt. Eine mutig ausholende Fussgängerbrücke (mit Einschränkungen auch für Radfahrer verwendbar) ermöglicht einen Panoramablick auf das grüne und doch recht mächtige Gewässer. Am anderen Ufer: Beach Life Ost mit netten Leuten, mässigem Bier (Bobrov) und schlechter Musik (EDM !). Spazierengehen, Laufen oder Radfahren bis zum Abwinken ist dort möglich. Am beliebtesten scheint jedoch das Entspannen am Sandstrand der Sosch, Schwimmen oder Plantschen in derselben und/oder: das kriegsähnliche sich beschallen lassen kriegsähnliche mit oben genannter "Musika".

 

Ohne Gehörschutz und mit verblüffender Gleichmut wird diese diagnosewürdige Tat der lokalen "DJs" hingenommen. Nun ja, man könnte auch konstatieren: endlich mal was Unbraves hier ! Womit wir beim Kern unseres Pudels namens Gomel (Verallgemeinerungen auf ganz BY wollen wir uns hier verkneifen) wären. Kurz gesagt: in dieser Stadt herrscht Ordnung ! Es gilt das Gesetz ! Es wirken die Regeln ! Es ist sauber, sehr sauber. Das Leben erscheint sehr berechenbar und: berechenbar und: man ist vorsichtig, gegenüber Mitbürgern (der imaginäre Schlapphut !), ebenso gegenüber Fremden, hier nicht permanent Aufhältigen.

 

Fahradverleih für Service-Allergiker (Gomel/BY)

 

Beobachtungen aus dem Strassenverkehr: es ist unmöglich, als Fussgänger Kreuzungen "zeitsparend" (=diagonal oder mit Abschneidern) zu überqueren, massive Geländer verunmöglichen das. Nichts für eilige und/oder nervöse Zeitgenossen, zumal die dortigen Ampelphasen unglaublich lang sind, vor allem die roten. So lang, dass man in der Wartezeit einiges erledigen kann: sehr ausführliche SMS schreiben, sich einen Imbiss genehmigen plus Nachschlag, eine Zeitung fertiglesen, seinem Kinde via Mobiltelefon ein vollständiges Märchen diktieren ... Ja, das mag übertrieben klingen. Aber: der Ortsfremde verfügt nur über eine Aufenthaltserlaubnis von fünf Tagen ... und es zählt in Zeiten wie diesen ja immer öfter die gefühlte Realität !

 

Übrigens: wir haben keinen einzigen fußgehenden Bürger getroffen, der auch nur daran gedacht hätte (woher wissen wir das wohl ?), bei rot die Strasse zu überqueren, ähnliches gilt für unsere p.t. weißrussischen Autofahrer. Niemand kann das besser beurteilen als ein ziemlich orts- und mentalitätsunkundiger ausländischer Radfahrer, der auf wohnzimmerteppichgleichen Strassen durch die zweitgrößte Stadt Weißrusslands gleitet. Auch die Autofahrer sind gesetzestreu, diszipliniert und wurden demzufolge folglich irgendwann von Stadt, Land oder gar Präsident mit diesen Straßen aus Samt und Seide belohnt  (das Zuckerbrot !).

 

Die Wiege des ostslawischen Reinheitsgebots von 1994: Bahnhofsplatz Gomel.

 

Ja, geehrte Damen und Herren: hier geht es gesittet zu ! Schon Tage im voraus weiss man, was einen erwarten wird, das blitzsaubere Einstern-Hotel fühlt sich an wie sehr altes, aber blitzsauberes Dreistern, Radfahrer radeln quasi Vollkasko, das Gastropersonal agiert aufgeweckt und in etwa so, wie es im Westen erwartet wird. Die Einheimischen quasseln einen Touristen nicht voll, sondern beschränken sich auf die sachlich notwendigen Antworten und man könnte tatsächlich zu blosser Erde seinen Mahlzeit einnehmen. Das ist wohl schon länger nicht mehr vorgekommen. Aber ab und zu erproben ausländische Touristen dieses Gerücht. Auch wir haben es getestet. Es geht ! Es funktioniert !

So wie in der Schweiz und im krassen Gegensatz zu den Verhältnissen beim südlichen Nachbarn Ukraine, wo seit Jahrhunderten so etwas wie eine kreative Anarchie herrscht - mit Ausnahme des sowjetischen Intermezzos 1921-1991 natürlich.

WTF is Břeclav ? *** Что, черт возьми, Брецлав ?

Zwölf Antworten auf eine berechtigte Frage

Gretchenfrage ? Rechts halten !

 

Die Gretchenfrage gleich zu aller erst: Mögen Sie die Farbe rot ? Oder lieber blau ? Ziehen Sie das Kürzel ÖBB (samt Logo) oder aber "ČD" (samt Logo) vor ? Rot sind die Railjets der ÖBB, blau jene der ČD (Tschechische Bahnen). Nein, es geht nicht um Backbord (rot) und Steuerbord (grün) und auch nicht um die Yellow Submarine. Es ist uns nicht überliefert, dass Bill Ramsey jemals in Břeclav gewesen wäre. Obwohl sie theoretisch auch zu Wasser von Wien nach Břeclav gelangen könnten: via Donau, March und Thaya.(hat noch keiner ausprobiert. Sollten SIE der Erste sein, dem dieses Abenteuer gelingt, so berichten Sie uns unbedingt, vor allem, wenn Sie nicht gesunken und ertrunken, gestrandet und verdurstet oder überhaupt verschwunden sind. Für diese Geschichte hier einigen wir uns auf die Bahn. Die Orthodoxen unter uns besteigen eine rote oder eben blaue Garnitur am Wiener Hauptbahnhof und landen innert einer Stunde in Břeclav. So.

(1) zur Frage „Was ist Břeclav ?“ – es ist ein Durchhaus. Keiner aus dem österreichischen Süden oder dem polnischen Norden will nach Břeclav (BCV). Sie wollen nach dem pflichtschuldigen 3-Minuten-Stop schnell weiter nach Nordwest: Brno, Pardubice, Praha. Nach Nord: Ostrava, Katowice, Warszawa. Nach West: Mikulov, Hrušovaný, Znojmo. Nach Ost: Hodonin, Uherske Hradi šte, Zlin. Nach Südost: Malacký, Bratislava und nach Südwest: Wien.

Die wenigen, die überhaupt einen flüchtigen Gedanken an Břeclav verschwenden, die wollen genau das: flüchten und weiter, weiter, weiter.

Ist das ungerecht ? Ja, weil Břeclav kein Kurort ist, kein Freizeitparadies, keine Pittoreske. Nein, weil das alles ab dem fünften Besuch nicht mehr stimmt und die Empirie einen zeitlupenhaften Salto zu springen beginnt.

 

(2): Břeclav ist ein Rohdiamant, den man niemals schleifen kann ohne ihn völlig zu zerstören. Ein grobes, ungeordnetes, zerfleddertes Puzzle, dessen Zusammenfügung viele Reisen und viele Aufenthalte braucht. Und es bleibt offen, wie viele Teile dieses Puzzle überhaupt hat – kaum wähnt man das Mosaik endlich und ganz zusammengesetzt, schon tauchen aus dem Nichts neue, weitere Puzzleteile auf.

Es gibt Leute (Ausländer) die Břeclav als nihilistisches Faktotum, andere (der radikale Flügel) sogar als schwarzes Loch Südböhmens bezeichnen. Das ist Unfug, grober Unfug.

Weltklasse in Südmähren: Brauerei Zamecky

 

(3): Břeclav. Ein Hort des Bizarren, des zunächst langweilig, irgendwann aber tonisierend Unkonventionellen. Siehe: das Schloss, das einem längst versteinerten mehrstöckigen Campingwagen gleicht. Gleich dahinter: die Schlossbrauerei, welche Bier in unglaublicher Qualität produziert: den Stier (Kanec), die trinkbaren Auen (Podlužan). Apropos Bier: am jüdischen Friedhof ist ein interessanter Mann aus Monarchiezeiten zur ewigen Ruhe gebettet - Moriz Edler von Kuffner (1854-1939). Er erfand das heute noch immer erhältliche Ottakringer-Bier (pietätvoll verzichten wir hier auf einen Kommentar) samt der Wiener Brauerei. Die von ihm finanzierte und nach ihm benannte Sternwarte befindet sich ebenfalls in Wien 16. Kuffner ist aber ein waschechter Lundenburger (deutsch für Břeclav). Conclusio: Břeclav, die Bierhaupstadt des südmährischen Südens !

 

(4): Břeclav. Ein unauffälliger Hub für neugierige Ostafficionados, die in Břeclav oder Umgebung Rad fahren, wandern, angeln, kegeln, segeln, schwimmen, segelfliegen, fliegensegeln oder Biervieltrinken möchten.

 

(5): Břeclav. Keine Shopmeile, aber immerhin ein halber Shopkilometer (hoch leben die kapitalistisch irrlichternden Sklaventreiber Albert und Jednota !), das übersichtliche Einkaufszentrum "Břeclove" (sic !) und eine Handvoll an Geschäften, darunter ein schräger Velo-Shop, ein winziger Zuckerbäcker und ein verstaubter Buchladen samt Russisch sprechendem Besitzer.

 

(6): Břeclav. Eine Stadt von der Größe Amstettens, aber mit Synagoge, Thaya-Regatta und einem Open-Air-Lagerhaus. Vielleicht eine Spur hässlicher (pardon: kantiger) als die Mostviertel-Metropole, dafür interessanter.

Hier ruht Herr Kuffner, Gründer der Brauerei Ottakringer, Erbauer der Sternwarte im gleichnamigen Bezirke zu Wien

 

(7): Břeclav. Ein von Internationalität ziemlich unberührter Flecken, trotz naher Autobahn und einer bemerkenswerten Eisenbahndrehscheibe. Die Einheimischen sind und bleiben unter sich, ausländische Spione agieren nach dem Motto „keep low profile and dont talk“. Manche dieser Nichtslawen haben die Camouflage übertrieben. Die Stadtpolizisten ließen sich aber kein X für ein U (vulgo: keinen Tschechen für einen Österreicher) vormachen und verfrachteten die durchgeknallten Möchtegern-Agenten in den Gemeindekotter und am folgenden Tag in den Zug nach Österreich. Zur Strafe nicht in den Railjet, sondern in den elenden Regionalzug nach Wien-Floridsdorf. "So geht’s ja wirklich nicht", brummte zu alldem der Břeclaver Bürgermeister gab höchstpersönlich das Signal zur Abfahrt. ...

Hier hausen die legendären Schloss- und Bockbiergeister

 

(8): Břeclav. Eine Stadt der Gewässer und Auen (sogar ein lokales Bier heißt so, s.o.), die verschlungenen Arme der Thaya (Dyje), die unzähligen Fischteiche, die aus dem Nordosten sich heranpirschende March (Morava), der subsaharisch anmutende Stausee von Vestonice, zu Füssen des südböhmischen Vulkans, dem Svatý kopeček (Heiliger Berg).

 

(9): Břeclav. Keine Stadt des kulinarischen Höhenflugs, kein Hort der herzeigbaren Hotellerie (Hotel Teresa – OMG ! Hotel Imos – besser als auf der Straße erfrieren. Penzion Rotunda – ja, falls schöntrinken zugelassen ist).

 

(10): Břeclav. Ein Hort der Landeplätze für Durstige und Bier-Connaisseure. Der Irish Pub (ohne jede irische Facette, eher ein Tarnname), das Tropi Bar Cafe (Bernard-Bier !), San Marco (der Wucherer ! Plzeňský und Svijaný), Garaž Club (klein und jung, Plzeňský Bier), die speckige Bierschwemme U Mostu/an der Brücke (Svijaný), der namenlose Saufschuppen in der Abstellkammer des Kulturzentrums Delta (Podlužan), ein abschreckendes Loch namens Pipi Grill, Cafe Hostina, vormals Tři Pomarancý (Terrasse !), das Kinobeisl Koruna (Bernard), Cafe Galerie (Podlužan), Schlossbrauerei-Biergarten im Hof der Brauerei Zamecky (die volle Palette an Podlužan, Kanec und Derivaten), U Kapra (noch ungetestet), U zlomene brusle (in der Eishockeyhalle, Plzeňský), Cyklosfera (Podlužan)(der Treff für alle Veloaffinen, Grill, Bar, Spielplatz und viele viele Fahrräder), Areal na Vode (Bauhof, Openair-Bühne und Basic-Bierterrasse, alles sehr improvisiert)(Podlužan), U Čerta (0815-Gasthaus)/Staro Brno), Corner Club (halb Beisl, halb Disko, geht so)(Starobrno), Pohoda (Podlužan UND Plzeňský=Pilsner Urquell !) und schließlich: das Bahnhofsresti, die Lokalka, immer mit illuster-herbem Klientel (Starobrno + Starobrno Drak).

 

(11): Was also ist Břeclav, als Befund von mehr als zwei Dutzend Besuchen unserer Redaktion ?

Es ist wie eine neue Bekanntschaft, die man zunächst gleich wieder loswerden möchte, weil sie irgendwelchen persönlichen Schöheitsidealen nicht standhält, aber dann zeigen sich unerwartet die inneren Werte. Und alles nimmt seinen gottgewollten Lauf ...

 

(12): Hier steht irgendwann Ihre Antwort ...

 

Fahren Sie hin oder nicht, ganz egal, wir sind ohnehin schon dort.

 

*Albert und Jednota: kein Komödianten-Duo, sondern zwei tschechische Supermarktketten

Nickerchen am Asowschen Meer *** Нап на Азовском морe

Begraben sein: wo Tatare, Armenier, Russe und Ukrainer sich Gute Nacht sagen.

Eine proto-touristische Miniatur.

 

 

Tetjana: Malerin, nicht Landstreicherin

 

Herr T. aus R. im weit entfernten Westen döst auf einer Liege an den Gestaden des Asowschen Meeres, das er bis vor kurzem nicht mal vom Hörensagen kannte. Mittlerweile kennt er es vom Hören, Sagen, Duften und auf der Haut fühlen. T. war einst Durchschnittsbürger, ein Otto Normalverbraucher, ein Anzug von der Stange. Bis ihm der Anzug zu eng wurde und er in einem cholerischen mehrwöchigen Anfall die Scheidung betrieb – und nach einem bemerkenswert brutalen Rosenkrieg auch vollendete. Übrigens träumt er gerade jetzt wieder einmal von einer dieser unschönen Sequenzen, das Gefecht ist erst seit wenigen Monaten zu Ende und noch rauchen die Trümmer.

 

All das war auch einer der Gründe, warum T. sich in eine solch extreme Peripherie wie Henitschesk zurückgezogen hatte. Das Nötigste an Kleidung, ausreichend Bargeld plus Kreditkarte und ein one way Ticket Bratislava – Kiew – Saporoschje. Sein Arbeitgeber ist im Bilde und lässt T seinen gigantischen Resturlaub – angesammelt in zehn Jahren – mittels dieser Flucht abbauen. Was auch daran liegen könnte, dass T.´s Boss an der Trennung von T. und A. (die Verflossene) nicht ganz unbeteiligt war, aber das gehört nicht hierher. Jedenfalls: T. hat bereits eine Woche lang die Gegend beschnüffelt und dergestalt die eine oder andere Preziose entdeckt. Auch von diesen Schmuckstücken des europäischen Ostens träumt er jetzt – und davon träumt er natürlich lieber als vom ehelichen Bürgerkrieg.

 

 

 

"Henitschesk ohne Drogen" ?

 

Die Sonne wird gerade von dünnen Wolken verhüllt und T. bemerkt es nicht, das mickrige eine Grad an momentaner Abkühlung reicht nicht, um ihn zu wecken. Das wäre auch schade, denn T träumt jetzt von Katja. Katja gibt es wirklich, sie arbeitet in der Sommersaison im wahrscheinlich schönsten Strandcafe von Henitschesk, im Domino. Jeden Tag sitzt T. dort auf seinem Lieblingsplatz nahe der Bar, mit Blick aufs Meer und genießt die aus Osten wehende Brise. Vormittags ist sein erster Besuch, da trinkt er einen Ristretto.

 

Nachmittags ein Tee, schwarz und abends dann Katja, blond. Ähm, die vorangegangene Unschärfe (kein Fehler !) ist kein Zufall, denn T. gerieten jedes Mal die Gehirnströme in Unordnung, wenn Katja abends ihren ersten Auftritt hatte: ohne es zu wissen hatte sie gewissermaßen den Laufsteg immer bei sich, trug ihn nicht vor sich her, sondern bewegte sich in naiver Unschuld darauf wie eine grazile und doch kräftige Sportlerin. T. ertappte sich bei den schrägsten Gedanken, Fantasien und sogar: Worten – und zwar IHR gegenüber.

 

So beschaulich der Vormittag im Domino immer verlief und auch der Nachmittag, so breathtaking (zavorash ivajushi) gestaltete sich der Abend. Um dieses Chaos irgendwie in den Griff zu bekommen, hatte T. schon über verschiedenste Wege nachgesonnen: a) mehr Alkohol als sonst – keine gute Idee, es wäre so, als würde man betrunken seinen Lieblingsfilm im Kino ansehen  b) kein Alkohol – besser, weil er dann alles ungetrübt wahrnehmen könnte, gemeint ist Katja oder  c) mal einen Abend aussetzen, um die Nerven zu schonen – hatte sich nicht bewährt, weil er sich täglich an Katja sattsehen wollte (satt konnte man bei ihr aber niemals werden, so murmelte er eines Abends zu sich selbst) Was also tun? Nichts, beschloss er und fand sich mit sich selbst als labiles männliches Lebewesen ab.

 

Suchbild advanced

 

Und war er nicht gewarnt worden, vor der Abreise aus R. ? Einerlei, dachte er, ich bin hier und sie ist es auch. Welche Form sein Hirngespinst annehmen würde, war und blieb vorderhand völlig unklar. Und dieser eigenartige Zustand gefiel ihm von Tag und Tag besser. Bier trinken oder Cognac trinken oder auch nur Tee (mit Cognac) und schwelgen im Angesicht einer blonden ukrainischen Fee aus slawischem Fleisch und Blut, samt konformer Seele. Kein Moralist, schon gar kein westlicher weit und breit. Und es war ja auch nicht das Geringste passiert – bisher.

 

Einmal hatte er einen schrägen Gedankengang, schräg, aber nicht gänzlich von der Hand zu weisen: diese Gedanken tauchten auf, als er eines späten Abends in einer Disko ein Gutenacht-Bier schlürfte, mit der Absicht es danach gut sein zu lassen. Alle möglichen Bilder, Erlebnisse der vergangenen Tage, Begegnungen, Rätsel und Überraschungen tauchten auf und gingen wieder.

 

Und dann war da plötzlich, wie aus dem Nichts, das Wort Honigfalle, das wie eine grell glühende Neonschrift in seinem Inneren erschien. Ein faszinierendes Wort, sinnlich, vielversprechend, verführerisch, romantisch – und gefährlich, sehr gefährlich. Sozusagen ein skorpionisches Phänomen. Geheimdienste, Mafia, Übelmeinende aller Art stellen Honigfallen auf. Das angestrebte Produkt der Begegnung mit einer Honigfalle ist gemeinhin Kompromat (kompromittierendes Material), mit dem dann, wenn das Honigtöpfchen leer ist, der Honigdelinquent auf irgendeine – jedenfalls höchst unangenehme – Art konfrontiert wird.

 

Am Muschelstrand von Birjutschi

 

Die Sitte, die Polizei, ultranationalistische Rabauken oder eben staatseigene Agenturen oder deren private Ableger halten dann dem Honigjunkie das Kompromat unter die Nase und die Hand auf. Diese Hand kassiert dann entweder sehr viel Geld oder den Reisepass oder gar beides. Autsch ! Ein Windstoß, ein umfallender Sonnenschirm hat T.`s Bauch erschreckt und auch dessen Besitzer, der in der Sekunde aufspringt und zu begreifen versucht, was hier los ist. Kaum etwas. Jedenfalls bedeutend weniger als in seinem Traum gerade stattgefunden hatte. T. richtet den Schirm auf und springt auf die Ufermauer aus massivem Beton, beschattet seine Augen mit der flachen Hand und späht auf das ockerfarbene Meer.

 

Weit draußen ist es smaragdgrün, als wäre dort ein ganz anderes Gewässer. T. späht und ist erleichtert, diesen Traum hinter sich zu haben. Dennoch bleibt ein Rest des Honigs in seinen Gedanken kleben. "Nun werd mal nicht paranoid, mein Freund“, so flüstert er in den aus Russland her wehenden Ostwind. Er atmet die salzige Brise ein und beschließt, sich das allabendliche liebliche Chaos nicht von an den Haaren (oder: Schlapphüten) herbeigezogenen Fantasien vermiesen zu lassen.

 

T. hat Klarheit geschaffen, nun macht er Pläne. Einen Schlachtplan ohne Schlacht. Dennoch geht es um ein Manöver. Ein solches bedarf der seriösen Vorbereitung. Und so macht T. sich zurecht für den Abend, der ihn möglicherweise (jaja!) auch ins Domino führen wird. T. schlendert durch den spärlich beleuchteten Eingang zur Strandmeile (nach westlichen Maßstäben ist es dort zappenduster), vorbei an den immer in maximaler Bereitschaft verharrenden Taxisten, am georgischen Tschatscha-Verkäufer (kaukasischer Fusel !), an der Freiluft-Reisebüro-Madame Nadeschda, am Eiskiosk – und erreicht das Restaurant People.

 

Ein leidlich zubereitetes Diner mit erträglichem Bier. Eine Livecombo verkündet lautstark ihren Dienstbeginn. Zu laut befindet T. , zahlt und wandert weiter. Vorbei an den bunten Kinderbelustigungen, der schrillen Eisenbahn, dem brüllend grellen Schaukelding, den nervtötend batteriejaulenden Miniautos, die Kinder ferngesteuert vom rauchenden Papa.

 

Aquapark "Maximum Retro": Alte Eisenbahnbrücke bei Henitschesk

 

Mit einem Kaffee in einem winzigen no-name Lokal versucht er den Zeitpunkt hinauszuzögern. Welchen Zeitpunkt ? Diesen: er betritt das Domino, dass fast vollbesetzt ist, richtet seinen Blick zur Bier, winkt dem Barmann Schenya zu, sucht und findet einen freien Platz. Wartet, trommelt nervös mit den Fingern auf dem Tisch. Er möchte bestellen und vor allem will er bei ihr bestellen. Es dauert. Die Minuten verrinnen zäh wie – Honig. Endlich kommt sie.

 

Nein, es ist Viktoria, nicht sie. T. bestellt sich ein Bier und erfährt, dass Katja heute nicht Dienst hat. Erst übermorgen wieder. Übermorgen ! T. schwankt zwischen Wut, Trauer und etwas Undefinierbarem. Viktoria bringt das Bier und bekommt gleich den nächsten Auftrag: die Rechnung ! Ja, heute ist nichts mit Geduld, so brummt T. Zahlt, erhebt sich, Augenzwinkern zu und von Schenya. Der Sound der Kiewer Elektropop-Band Bambinton begleitet ihn auf die Promenade, der Song Kambeka ruft ihm noch lange nach (Domino-DJ plays loud !).

  

T. ist etwas von der Rolle, mit dieser Absage seiner Katja hatte er nicht gerechnet. Er tut etwas gegen seine Gewohnheit, er trinkt ziemlich über den Durst. Natürlich auch aus Frust. Vier Lokale hat er schon durch. Ein Drink noch und dann ab in die Falle, sinniert er, beschließt er. Und der letzte Drink wird wo stattfinden ? Im Goldfish, nicht der edelste Schuppen hier, aber ein außergewöhnlich kompetenter DJ heilt hier die Nichttänzer. Nun denn, T .betritt die Goldfish-Disko, vernimmt tatsächlich bekömmliche Beats und begibt sich zur Bar. Bestellt ausnahmsweise ein Westbier (nein, kein Heineken), nimmt, zahlt, dreht sich in Richtung Dancefloor. Wer tanzt drei Meter vor ihm, anmutig und mit geschlossenen Augen ? Unglaublich, aber wahr ?

 

T. reibt sich Augen, Herz und Seele. Sie ist es ! Da tanzt sie. T. ist  plötzlich sehr klar im Kopf: mit wem ist sie hier ? Mit ihrem Freund ? Hat sie überhaupt einen ? Es stellt sich heraus, mit ihren Freundinnen. Sie hat ihn noch nicht bemerkt. Er beobachtet und tarnt sich. Katja kommt an die Bar, um Getränke für ihre Clique zu holen. Ihre Blicken treffen sich. Guten Abend sagt T mit samten-belegter Stimme. Oh, guten Abend, so eine Überraschung, so Katja mit ehrlicher Freude. Schnitt. Zwanzig Minuten später. Katja und T stehen vor dem Eingang und rauchen (no smoking inside).

 

Henitschesk hat also ZWEI Bahnhöfe, der andere ist für Erwachsene

 

Ton aus. Was sehen wir ? Einen vor Präsenz glühenden T. und eine aufmerksam lauschende Katja. Dann werden T.´s Gesten etwas heftiger, worauf Katja sich halb abwendet, in die andere Seite der Nacht rauchend. T. hält inne, wirft seine Kippe weg und zieht Katja zu sich. Sie wehrt ihn ab, mit halber Kraft. Beide schweigen und wirken etwas unsicher. T. sagt etwas, worauf nach einer längeren Pause Katja in ihre Handtasche greift und etwas auf ein Papier kritzelt. Sie reicht T. mit einer schwer zu deutenden Bewegung das Papier. Der nimmt es wie einen sehr wertvollen Gegenstand entgegen, scheint sich zu bedanken.

 

Dann – Überraschung – umarmen sich die beiden, kurz und doch sanft. Katja verschwindet im Goldfish, T. steckt Katjas Papier wie einen neu erworbenen Diplomatenpass in seine Jacke und wandelt bedächtigen Schrittes zu seinem Quartier, fast alle bemerken eine deutliche Veränderung in seinen Gesichtszügen: Nadeschda, der Georgier, der Eisverkäufer und immerhin drei der fünf Taxisten. Ton an. Musikfetzen von drei verschiedenen Diskos, startende Taxis, surrende tiefhängende Stromleitungen, Stimmengewirr russisch, ukrainisch, tatarisch. T. schläft bereits. Er träumt von …

 

***

 

APPENDIX. Ein  Jahr später: Katja macht Urlaub in Ägypten, Hurghada, das Rote Meer gibt sich blau und grün. Gleich am ersten Abend wandert sie gemeinsam mit Anna, ihrer Schwester, den Strand entlang. Es brandet, rauscht und gischtet. Das blonde Haar der defilierenden Damen saust in alle Windrichtungen. Man genießt. Schweigt. Bis Anna plötzlich „Da !“ ruft. Auch Katja bemerkt, sieht. Nun ja, es ist bloß eine Flasche. Eine ziemlich große, unbeschädigt, grün und - kräftigt verkorkt. Das ist interessant. Anna lässt Katja den Vortritt, sie hat bereits das Treibgut geborgen und von allerlei anhaftendem Zeig befreit. Die Flasche ist leicht, weil leer.

 

Das heißt, es ist keine Flüssigkeit darin – aber etwas anderes. Katja wird ungeduldig – schon wirft sie einen faustgroßen Stein auf die Flasche. Sie zerbirst nicht gleich, aber doch. Wie eines dieser chinesischen Glückskekse. Jetzt hockt auch Anna im Sand vor den Scherben der grünen Flasche. Katja hat einen halb vergilbten Brief in einem feierlich wirkenden, blassgelben Kuvert entdeckt. Sie zieht ihn mit spitzen Fingern aus dem Scherbensalat und flüstert: eine Flaschenpost ! Wie romantisch ! Anna pflichtet bei. Mit ihren aufgeregten kleinen Fingern nestelt Katja sie am Kuvert herum, sie benötigt mehrere Versuche, bis sie nach einem kräftigem „Ratsch“ das Kuvert – und seinen Inhalt – in zwei Hälften gerissen hat.

 

Asow-Safari ohne Helm

 

Anna nimmt ihr in der typischen Art älterer Geschwister die Papierhälften aus der Hand, ordnet sie und gibt sie Katja zurück, als wüsste sie, dass dieser Brief nicht für sie bestimmt ist: Lies ! Katja überfliegt die mit grauer Tinte gedrechselten Zeilen, hält den Atem an und ihr Teint bekommt in Sekunden eine überaus kräftige, rote, Note. Es ist von ihm ! Haucht sie atemlos ! (Anna:) Was, von deinem T. ? Von damals ? Ja, flüsterte Katja und ihre Aura nimmt die Gestalt einer Heiligen aus Swiatohorsk an. Auch Anna ist jetzt etwas röter als sonst, sie erweckt Katja zu weltlichem Leben, indem sie diese knufft und fordert: Nun, lies schon vor ! Doch Katja springt auf, läuft fünfzig Schritte davon, ins Licht der Promenade. Sie liest – und kommt bedächtigen Schrittes zurück zu Anna. (Anna:) Nun ? fragt sie ihre innerlich zerzauste Schwester. Katja zögert, atmet tief und seufzt dann: er liebt mich ! (Anna:) Ach, Schwesterlein ...