SHORT.LIT

Artur der Impfplanschredder

 

 

Auf Paragrafen und Gesetze gab er nicht viel. Dienstvorschriften ignorierte er gewohnheitsmäßig. Bei ihm im Amt eine Nummer zu ziehen hieß, an einer Lotterie teilzunehmen: Allermeist gewinnt man nichts und ärgert sich.  Artur Rodionowitsch stand über den Dingen und das schon seit Jahren. Amtsleiter sein und drei silberne Streifen auf seiner Ausgehuniform haben, das gab ihm das Gefühl, ein erfolgreicher Mensch zu sein, erfolgreicher als die meisten seiner armen Zeitgenossen wenigstens. Es überrascht nicht, dass Artur Feindbilder nicht ablehnte - sie vereinfachen den Alltag. Auch nicht, dass er Minderheiten gegenüber nicht übermäßig aufgeschlossen war und Kassandrarufe betreffs Gefährdung der Demokratie unter Hysterie schubladisierte.

   Ja, Artur Rodionowitsch war keiner wie du und ich. Er war etwas Besonderes, denn er hatte die Gabe, bedürftige und von staatlichen Gaben abhängige Menschen pädagogische Lektionen zu erteilen, selbstredend in der Tradition der schwarzen Pädagogik. Die Reise von dort zum Sadismus ist dann nur noch eine sehr kurze: davon kündete der inoffizielle Amts-Ritus mit der Lotterie. Weiterentwicklungen dieser Idee gab es wöchentlich, sodass das Gesundheitsamt der weithin unbekannten Stadt Werchno-Sydlinsk zu einem Hort innovativer Ideen im Sinne einer darwinistischen Schuldknechtschaft der Untertanen wurde. 

   Alle hatten sich damit abgefunden, dass Artur der Herr über Essen und Hunger, Heizung oder Frieren, Gesundheit oder Krankheit war. Auf Augenhöhe mit den anderen entscheidungstragenden Bonzen der Stadt: der Pope, der Bürgermeister, die Handvoll privatisierter Banditen.

   Dann kam COVID über Land und Stadt. Mit einer Unzahl neuer Möglichkeiten für Artur, die Dressur seiner brav apportierenden Schäflein zu vervollkommnen. Freudig machte er Pläne, avisierte seine Mitarbeiter. Unnötig zu sagen, dass während dieser Tage die Lotterie im Wartesaal des Amtes auf Leerlauf geschaltet war. 

   Dass die perfiden Pläne unseres Amtsleiters nicht umgesetzt wurden hatte nichts mit einer plötzlichen Läuterung des Artur Rodionowitsch zum Menschenfreund zu tun. Es war viel banaler. Erstens starb fast ein Drittel seiner Klientel gleich in den ersten Wochen der Seuche. Zweitens versiegte der Geldstrom aus der Hauptstadt völlig, Löhne wurden nicht mehr ausbezahlt. Von seinen übrig gebliebenen Untertanen konnte er aber nichts mehr herauspressen, die waren längst lebende Leichen. Erstmals in seinem Leben wurde es für Artur eng. Dann kam Post aus Kiew, das Ministerium sprach bei Artur vor: ein Konvolut von Gesetzen samt Durchführungsbestimmungen, Ablaufschemas, Einsatzplänen, kurz: ein Haufen Papier, in den Augen Arturs.

   Ein einziges Dokument interessierte ihn, der Impfplan mit all dem wer, wann und wo. Über diesem Papier brütete er die ganze Nacht. Mit angestrengt krimineller Energie suchte er eine Schwachstelle im System, die es ihm erlaubt hätte, vom heiligen Safte des Serums Portionen abzuzweigen, zurückzuhalten, umzuverteilen, letztlich also: seine ganz persönliche Börse kräftig aufzubessern. Wobei er schon bisher das Fünffache des regulären Solds eines Amtsleiters eingestreift hatte, somit eben auch einen gewissen Lebensstandard gewohnt war. Erst letztes Jahr musste er die Garage für seine Familienmitglieder vergrößern lassen, da nun bereits der vierte Range Rover das Gebäude zierte: Vater, Mutter, Sohn 1, Sohn 2, alle wollten sie Range Rover fahren. 

   Artur machte diesmal, in dieser Nacht, einen Fehler, ganz gegen seine Usancen: er trank Alkohol und zwar Wodka und Kognak in beträchtlicher Menge. In seinem Papierwahn hatte er übersehen, dass nun bereits die zweite Flasche zur Neige ging. Als er es bemerkte war es schon zu spät. Da hatte er schon das schlanke Paket des Impfplans in den Schredder gesteckt und genau auf jene Taste gedrückt, die manchmal über Leben und Tod entscheidet: START.

   Panisch versuchte er, den Schredder auszuschalten, zu resetten und viel zu spät kam er auf die banalste Idee, nämlich jene, das Gerät vom Strom zu trennen. Ohne Gnade hatte der Schredder, in diesem Falle Gottes verlängerter Arm, sein Werk vollbracht und Arturs menschenfeindliches Vorhaben durchkreuzt. Da saß er nun, der Tor des städtischen Gesundheitsamtes. Betrunken und ernüchtert zugleich, mit seiner Idiotie hadernd - und ohne Ahnung wie es nun weitergehen sollte. Der erste der vier Range Rovers hatte schon das Interesse des Schuldeneintreibers Viktor Romanowitsch geweckt. Wie man so schön sagt: wenn man kein Glück hat, dann kommt auch noch Pech dazu.

   Dieses erschien in Gestalt der Staatsgewalt, die über obskure Quellen von den odiösen Plänen des Artur Wind bekommen hatte. In der gleichen Nacht sogar fuhren drei graue Kastenwägen vor Arturs Anwesen vor. Ein Dutzend vermummte Gestalten sprang heraus und richtete winzige rote Leuchtpunkte auf Gartenzaun, Haustür, Artur. Der hatte gerade mühsam sein bleischweres, trunkenes Haupt erhoben und schickte sich an, sich von seinem Tisch zu erheben. 

  Die versammelte Schar der Staatschützer überzeugte aber aufgrund ihrer schieren Präsenz den Delinquenten, von seiner Bewegungsabsicht Abstand zu nehmen. Zwei Minuten später sahen aus dem Schlaf geschreckte Nachbarn Artur Rodionowitsch am Gängelband der Exekutive in übertrieben demütiger Körperhaltung einen der drei Kastenwägen besteigen. Der letzte Vermummte rammte die Tür ins Schloß und fort waren sie. 

  Die Stelle des Amtsleiters des städtischen Gesundheitsamtes blieb noch einige Zeit vakant und wurde nach dem nächsten Regierungswechsel von einer relativ jungen Ärztin besetzt. Ljudmila Nikolaevna schaffte die Lotterie ab, verzichtete auf offensive Quälereien der Klientel. Range Rovers mochten sie und ihr werter Gatte jedoch genau so gern wie der selige Artur Rodionowitsch.    

 


SHORT.REPORT

Die Pizza als Kulturbarometer

 

 

 

Was Italien so kann, ist fast jedermann bekannt. Einschlägige Sommerfrischen haben die meisten von uns irgendwann bzw. irgendwo zwischen Lignano, Bibione und Grado verbracht.

 

Es war auch jahrzehntelang klar, wer in Europa zum Thema Pizza ansprechbar, kompetent und zur Kredenzung befugt ist: die Italiener. Dann, ab den 1990ern ging diese Eindeutigkeit schrittweise verloren, zu Gunsten eines völlig neuen Potpourris an Pizza-Providern - in Österreich, der Schweiz, Deutschland. Ägypter, Türken, Libanesen, Afghanen, alle behaupteten sie plötzlich, von der italienischen Materie genug verstanden zu haben, um daraus das berühmte Teigutensil herzustellen und zu servieren. Diese Behauptung stimmte in den 1990ern meistens nicht, zehn bis zwanzig Jahre später hatte sich die tatsächliche Qualität der behaupteten immerhin asymptotisch angenähert. 

   Solch eine Annahme traf für den so genannten Osten bis vor wenigen Jahren sicherlich nicht zu. Unvergessen (und bisweilen noch immer unverdaut) sind die von grobschlächtigen Pfoten geformten und mit allerlei Tand bestreuten Ungetüme - bestellt und mit übermäßig viel Bier entschärft in Bratislava, Košice, Brno und Znojmo. Den ultimativen Kick an Brachialkulinarik konnte man allerdings woanders konsumieren: etwa im Kiew oder Tschernowitz der 2000er Jahre. Entweder erhielt man ein sehr großes Keks ohne wesentlichen oder mit freiem Auge wahrnehmbaren Belag. Staubtrocken, beinhart und geschmacklos, also nur die Hardware. Auf die Bitte um Knoblauch zog die Kellnerin die Brauen hoch, um nach sehr langer Zeit mit einem Tellerchen zu erscheinen. Auf diesem lagen: rohe Knoblauchzehen im Ganzen. 

   Die Causa Tschernowitz war völlig anders konzipiert. Die Bestellung einer Pizza zog hier die Ankunft eines Keramiktopfs nach sich, mit Deckel. Das darin dampfende Geheimnis: eine befremdlicher Mix aus Eintopf, Brühe und Sterz. Die Nachfrage "Das ist eine Pizza ?" wurde ohne Zögern mit ja beantwortet. Aus vielen Gründen war ein auch nur teilweiser Verzehr dieses Gerichts unmöglich. Einer der peripheren Gründe war, dass das Restaurant (abends auch Tanzclub) den Namen Reaktor trug.

   Und heute ? 2019 ? Fährt man unter Umständen ins polnische Katowice, wählt nichtsahnend ein Lokal in der überaus belebten Fußgängerzone und bestellt unschuldigst und auf vieles gefasst - eine Pizza Capricciosa, gemeinhin und weltweit der Lackmustest für die Fähigkeiten eines Pizzakochs. Pizza erscheint am Tische und gleichzeitig überaus appetitlich, der erste Bissen wird dem Gaumen zur Beurteilung anvertraut und den Untergeschossen zur weiteren Bearbeitung überantwortet. Das Urteil der Gesamtjury sodann: ein verblüffend klares, sehr gut in allen Belangen. Fazit: Pizza-Urlaub in Katowice ist keineswegs ein abseitiger Plan, im Gegenteil. PS: Bier-Connaisseure sollten sich nicht zu viel erwarten, dort im oberschlesischen Katowice, aber das ist eine andere Geschichte.