PATRIO-SHOPPING IN KIEW *** Всі Свої: На Хрещатику !

Paris und Mailand waren gestern ...


 

Борьба с огнем

 

Auf etwas bizarre Art und Weise scheinen die multiplen Probleme der Ukraine eine paradox anmutende positive Gegenströmung ausgelöst zu haben. Die Wirtschaftskrise, die Irrwege der alten und neuen Regierungen (wenn sie gar nicht mehr weiterwussten, dann bildeten sie keinen Arbeitskreis wie die Westler, sondern leiteten große Teil des Budgets einfach zu sich oder den eigenen Firmen = zu sich um). Die himmelschreiende Korruption von ganz oben bis zum privat eigentlich sehr netten Dorfpolizisten. 

 

Die ökonomischen und atmosphärischen Daumenschrauben mancher sich als Brüder ausgebenden Nachbarn. Sowie, dem letzteren wesensverwandt, die 2014 über die Ukraine hereingebrochene Katastrophe im Donbass, wo der Versuch einer neurussischen Landnahme an den Grundfesten der blaugelben Republik rüttelt (über den ebenfalls 2014 erfolgten Raubüberfall auf eine Halbinsel im Süden wollen wir uns hier nicht verbreitern).

 

Auf die Paradoxie zurückkommend: all diese degenerativen und letztlich destruktiven Phänomene haben bizarrerweise auch zu einer Explosion an Kreativität und Engagement geführt. Inmitten dieses unendlichen Schlamassels entstehen völlig neue Initiativen, selbstorganisierte Plattformen und per se nachhaltige lokale kommerzielle wie nicht kommerzielle Zusammenschlüsse - als wär`s eine antipolitische Manifestation, gekennzeichnet von unzerstörbarer Widerborstigkeit und dem der Ukraine eigenen Anarchismus, der die korrupten Unterwanderungsmanöver der Regierenden unterwandert. Feuer mit Feuer bekämpfen sozusagen.

 

Metrostation "Tschernihiwska" in Kiew

 

Европа вчера !

 

 

 

Natürlich zeigen sich in Ländern, die unter Druck (in diesem Fall: innen und außen) stehen auch nationalistische Protagonisten und betreten mit ihrer eher platten Agenda die Bühne. Diese Laune der Natur wollen wir hier aber außer Acht lassen. Eine wesentlich sympathischere Spielart des neu aufkommenden Patriotismus seit 2014 ist jene, den man seit kurzem mitten in Kiew bewundern kann.

 

 

 

Mode aus Europa (=Westeuropa oder EU) ? Das war gestern ! Die Kapitale Kiew in all ihrer Pracht prescht vor und sagt den letzten Schrei an. Mode und Design, made in UA, marketed in UA, sold in UA. Eine Art Nachhaltigkeitswelle, wurzelnd in der immer schon in der Ukraine schlummernden riesigen Kreativität, lange eingefroren durch mentale und bürokratische Nachwehen der SU und durch das noch nicht vorhandene Selbstvertrauen, dass die eigenen Künste tatsächlich etwas gelten können. Damit ist nun Schluss.

 

Made in SU: Bogen der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft, Kiew

 

Хипстер вместо казаков

 

 

 

Der Laden für die Patrio-Hipster nennt sich Всі Свої (Vsi Swoji) (etwa: Alles Unsriges) . In der Auslage des coolen Geschäftsgebäudes an der renommierten Adresse Chreschtschatyk 27 entdeckt man stylish-trendige Mode, das heißt: eine dritte Komponente gibt es da auch noch, aber dazu später. Der aufgeschlossene Ostwandelnde fühlt sich wie von magnetischer Geisterhand in das Innere des Textiltempels gezogen.

 

Herrenabteilung: zweiter Stock, erfährt man durch Aufschrift und wohlmeinende Information des Personals. Den Weg dorthin säumt ein spannendes Potpourri aus Damenschuhen (schwindelerregende Absätze, nichts für Damen mit Höhenangst, aber das kennen wir ja schon), gewagter Lingerie und – Vinylplatten. Die Herrenabteilung also. Der Blick schweift nach rechts, zoomt sich an die textilen Objekte heran und verharrt in andächtiger Unbeweglichkeit.

 

 

 

Das mitreisende Gepäck wird an eine Werktätige überreicht, „Das paradiesische Zeitalter ist angebrochen ! Halleluja“, so tönt es - nein, nicht aus dem Westhipster (Hipster ? Oooch ...), aber dafür in ihm. Warum das ? Was regt die Sinne des vor sich hin trüffelnden Westlers dermaßen an ? Nun, es ist die unglaubliche Vielfalt an völlig unterschiedlichen Designlinien, Farblinien, Ideen. Und die herausragende Tatsache, dass bzw. wie der neue Patriotismus in Design, Farbe, Text und Material quasi miteingewoben wurde. Nicht in allen Kleidungsstücken, aber in sehr vielen.

 

Eine im Grunde sehr riskante Kombination von coolem Schnitt-Konzept und darüber gelegten Zitaten aus Volkskunst, traditionellen Gedichten (selbstredend ukrainische Gedichte, Taras Schewtschenko, Lesya Ukrainka usw.), bis zum auf hipp getrimmten Icon des weltgrößten Flugzeuges, der Antonow 225 - made in Ukraine.

 

 

Speisewagen Kiew - St. Petersburg (2009)

 

Риск без страхования

 

Man muß sagen, daß sich dieses kreative Risiko allemal lohnt. So sehr, daß ein Kaufrausch die nahe liegende nächste Eskalationsstufe ist. Hier ein Kapuzen-Sweater mit Schwarz-Understatement, konterkariert durch Schulterteile mit traditionell ukrainischem Folkloremuster. Dort Polohemden verschiedenster Farbkombinationen von grell bis defensiv, mit hochinteressanten Schriftzügen und Mini-Accessoires - und das noch dazu in kyrillischer Schrift !

 

Zum Beispiel: Авіація Галичнії/Aviatsia Halychniy (Galizische Luftwaffe), man beachte die Selbstironie ! T-Shirts mit Phantasie-Headlines wie „Huzul Space Program“, ebenfalls eine selbstironische Kapriole, zumal die Huzulen ein äußerst konservatives Bergvolk im peripheren Westen des Landes sind und gewiss keine Kosmonautendynastie. Weiters: eine lange Reihe von Stücken, die sich in halb traditioneller Art mit straightem Outfit verbinden. Undundund !

 

Da wird zugegriffen und dort auch und dort auch. Das nette Fräulein, welches dem rasenden Käufer seine Fundstücke nachträgt, verschwindet allmählich unter dem Turm an VSI SVOJI-Ware. Wahrlich fette Beute ! Das Übergepäck wird einen astronomischen Zusatztarif nach sich ziehen. Aber heisst es nicht immer "Lebe jeden Tag als wärs`s dein letzter" ?

 

Hauptstadt-Graffiti

 

 

С кредитной картой или наличными ?

 

 

 

An der Kasse ist man angenehm erstaunt, wie zivil die Preise hier sind. Und erfährt, dass bei Vsi Svoji ausschließlich ukrainische Ware von ukrainischen Designlabels und aus hiesiger Produktion angeboten wird, die quasi-amtliche Beglaubigung dessen, was man vorab schon geflüstert bekam. Das Finale des kapitalistischen Raubzugs biegt in die Zielgerade ein.

 

Unser trans-europäischer Freak bekommt einen riesigen Plastiksack in weiß, mit einem winzigen, aber wunderschön-coolen Schriftzug in grau: Знайди своє (Snaidi Svoe/Finde das Deine). Nun: Oн нашел свой, er - unser geehrter Herr Hipster - hat das Seinige gefunden ! Hip-Hip-Hurra !

 

 

 

 

 

 

ENDE *** КОНЕЦ

 

PAWLO, MEIN FREUND & HENKER *** Павло, массажист

Sein Heil finden in der Katakombe ...

Kiew-Borispol, Terminal B (2004  

 

 

Реклама и преуменьшение

 

Schmuckstücke aus dem Russischen: Sadist = Hobbygärtner. Taksist = Taxifahrer. Sekretarscha = Sekretärin. Sekretutka = Sekretärin mit Zusatzqualifikation. Und schließlich, simpel: Massaschist = Masseur.  Das ist unser Stichwort.

Wenn man aufmerksam die Straßen und Gassen Kiews durchwandert, so gibt es dort nebst einer langen Liste an „offiziellen“ Sehenswürdigkeiten (Maidan, Petscherska Lawra, Soloty Worota, Sofiewsky Kirche, Rodina Mat´, Avia-Freiluft-Museum Schuljany …) tausend andere Dinge, wo der Engel im Detail liegt. Ist man des kyrillischen Lesens einigermaßen mächtig, so tun sich hier weitere interessante Welten auf. Aufschriften, Plakate, Flugzettel, Verkehrs- und andere Zeichen, Autos privat oder mit staatlichem Blaulicht. Bei diesem hochkonzentrierten Schlendern kann es sein, dass man für diesen mentalen Aufwand reichlich belohnt wird – indem man zum Beispiel auf einen obskuren Reklameständer trifft, der die Dienste eines Massagesalons anpreist.

 

Kindlich adrett sind in die rechte obere Ecke des Ständers sage und schreibe drei winzige, bunte, nun ja, Visitenkarten affichiert. Nimmt man eine davon, so ist man etwas verblüfft, dass weder ein Name noch eine Adresse genannt sind  - auf dem Plakat übrigens auch nicht. Und natürlich – nächste Instanz - kennt kein Passant den ominösen Salon. All diese Dinge, die Minimalinformation, die Notwendigkeit, sich selbst zu kommerziellen Dingen durchkämpfen zu müssen (bisweilen ist noch immer der Werktätige König und nicht der bourgeoise Kunde), ja, auch das ist Kiew, ist die Ukraine.

 

"Mobile" Werbung für Army-Shop, Kiew

 

Люди с доброй волей


 

Man sollte also am besten ein überdurchschnittlich wohlmeinender Tourist sein und viel Zeit haben. Nur so kann es letztlich zu solch einem Text kommen. Wie auch immer. Wo ist also nun dieser No-Name Salon ?  Eine Person – nennen wir sie „Ich“  fragt sich weiter, ohne Ergebnis, bis ihr der Zufall (wie so oft in diesem Lande) beispringt. Gerade als ich  einen langen Gang eines riesigen Hauses aus den 1970ern (Platte advanced) entlang schleiche, da öffnet sich plötzlich eine Tür, ein Mensch verlässt die Wohnung und in der Tür steht mit taxierendem Blick: der Massagist. Der vom Plakat. Der von der Visitenkarte. Der mit dem namenlosen Massagesalon. Der ohne Namen. Letzteres ändert sich rasch, wir stellen uns vor. Ich betrete eine riesengroße Wohnung, die offensichtlich zu einem Katakomben-Massage-Institut umgewidmet wurde.

 

 

 

Die Türen tragen bekannte und weniger bekannte Bezeichnungen wie Lymphdrainage, Physikalische Massage, PFT oder so usw. Mein Massagist, der auch der Katakombe vorsteht, das ist Pawlo. Er bittet mich in eine Art räumlichen Appendix des Instituts, es scheint das Schlafzimmer des hier wohnenden Ehepaars (Pawlo und seine Anastasya, die stellvertretende Institutsleiterin) zu sein. Das Bett ist anstandshalber mit einer Art Häkeldecke XXL bedeckt, daneben ein Massagetisch. Inzwischen ist Pawlo zum Englischen übergegangen, welches er gut verständlich spricht. Und er spricht viel, mit einem hypnotischen Timbre, welches die Entschlossenheit seiner physischen Manipulationen auf meinem Körper leicht konterkariert und letztlich doch kongenial ergänzt.

 

 

 

Der ostslawische Urbaum: die Birke

 

Американские горки без омбудсмена

 

 

 

Die anfängliche Unsicherheit (wo bin ich da wieder mal hingeraten, was wird er mit mir und meinen Knochen anstellen ?) weicht einem sich langsam breit machenden Vertrauen. Ja, er arbeitet sehr maskulin=deftig, aber: er weiß, wo und wie er hingreifen muss. Der Rücken: Ächz ! Die Schultern: Au ! Der Nacken: Hilfe ! Als Highlight und Abschluss beschäftigt er sich inbrünstig mit meinem Atlas*.

 

 

Es folgt eine Art chiropraktisches Manöver (nein, er hat den Atlas nicht „eingerichtet“, zu heikel), während dessen er (ich in Rückenlage) meinen Kopf in alle Richtungen wiegt, dann schaukelt, dreht, dehnt. Durch die immer schneller und intensiver werdenden Bewegungen (ungefähr wie eine Achterbahnfahrt nach etwas zu viel Alkoholgenuß) vergesse ich kurzfristig alles. Wer ich bin, wo ich bin und warum, was in meinem Leben bisher geschah, ein genial enthirnter Zustand, der gerne noch länger andauern hätte können. (Im Westen erscheint inzwischen die Frage am Firmament: Ja, darf er denn das ?)

 

Zwei Minuten länger chiropraktische Achterbahnfahrt und ich hätte seherische Fähigkeiten entwickelt, verknüpft mit der Möglichkeit, in die Zukunft aktiv einzugreifen, mit vielleicht etwas überdrehten, aber dennoch ehrlich gemeinten Ansätzen wie: die EU tritt der Ukraine bei. … , Putin geht einfach so in Pension und  Anna Netrebko wird russische Präsidentin … die diesseitige Ostukraine und die Krim machen  - auf Geheiß Moskaus ! - auf Canossa, pilgern nach Rom, pardon: Kiew und entschuldigen sich in aller Form für ihre pathologische Abtrünnigkeit, geloben Besserung und Wiedergutmachung … Russland tut es ihnen gleich … Die Bewegung des dritten Maidan schafft die Oligarchie samt Korruption ab und: die Ukraine gewinnt 300 Milliarden Euro in irgendeiner internationalen Lotterie (Oder so: Soros, Buffet und Gates vererben vorzeitig und sofort alles der Ukraine) … Aber diese zwei Minuten Verlängerung gab es leider nicht.

 

 

Sumy

Samstags am  autofreien Chreschtschatyk in Kiew

 

 

Донецк. Острава. Киев.

 

 

 

Finish ! Verkündet Pawlo und beobachtet mit dezentem Amüsement  meine etwas ungelenken Versuche, mich wieder in eine menschenwürdige Position zu bringen. Es gibt noch ein paar Minuten Smalltalk. Ich erzähle. Er erzählt. Von seinen letztlich erfolglosen Versuchen, sich als Massagist in Ostrava** (!!) zu etablieren. Vom nicht offiziellen Charakter seines Katakomben-Instituts, daher also die defensive Informationspolitik !

 

Von der Flucht aus Donezk 2014, als die Separatisten ihm und seiner Familie quasi den Teppich unter den Füssen wegzogen, die Wohnung konfiszierten und noch wesentlich Schlimmeres in Aussicht stellten. Beeindruckt, benebelt und irgendwie beschwingt (die Achterbahn ?) verabschiede ich mich. In der festen Absicht, diesen Katakombenmeister ganz gewiss wieder einmal zu besuchen. Безусло́вно !

 

 

 

 

 

ENDE *** КОНЕЦ

 

 

 

* Der Atlas ist der erste Halswirbel. Als schädelnächster Teil der Wirbelsäule trägt er den gesamten Kopf (Wikipedia)

 

** Ostrava ist eine Industriestadt im Nordosten der Tschechischen Republik. Mehr dazu in noch folgenden Texten

 

 

EIN TECHNO-DJ IN KRIEGSKARENZ *** Что такое TeXHo ?

Unvereinbares bleibt unvereinbar. Auch im Donbass 2017/18.

Charkow Süd *** Харьков юг                           

Erster Teil *** Первая часть

 

Какой Андрій ? Ну, Андрій !

Andrij* wächst in Charkow auf, der Metropole des ukrainischen Ostens. Charkow gab sich bis vor wenigen Jahren noch sehr sowjetisch, das prägte im kollektiven Unterbewussten alle Homies und natürlich auch Andrij, der sich alsbald und folgerichtig zum Musikgenre des Techno besonders hingezogen fühlte. In den 90ern brauchte es schon eine gewaltige Portion Engagement und ein überdurchschnittlich effizientes Netzwerk, um – vor dem Siegeszug des www – in der noch heißen Sowjetasche der ukrainischen Selbständigkeit an Technomaterial zu kommen.

 

Während die meisten ums bloße Überleben kämpften – kämpfte Andrij auch ums Überleben, ließ sich aber davon nicht vollständig kirre machen und verfolgte seine elektronischen Ziele konsequent weiter. Man traf sich in der Clique bei 100 Gramm (oder mehr) leistbarem Fusel, teilte maximal solidarisch den stets knappen Tabakvorrat und gab sich den höchst bizarr anmutenden Klängen und Rhythmen des Steinzeit-Techno Marke Charkow hin.

 

Fuhrpark in pastell am Vorfeld des Aerodroms HRK (Charkow)

 

Запад не ждет

 

 

 

Andrij war damals vielleicht nicht der Erste unter den Technopionieren, aber ganz sicher einer der fanatischsten. Und im Gegensatz zu so manch puristischem Kumpanen zeigte er sich immer aufgeschlossen für neue Strömungen aus West und Ost. Ok, natürlich vor allem aus West. Aber diese Not war der Dünger für die Tugend. aus der vieles an Eigenbauprodukten – nun, nicht auf den Markt, aber immerhin ans Tageslicht rund um die Autobahnbrücken-Clique kam.

 

Den Terminus „Rave“ kannte man damals in Charkow noch nicht. Was aber auch niemanden störte. Man war aufseiten der DJs (und zu einem solchen war Andrij - zumindest im offiziösen Sinne - mittlerweile geworden) vielmehr darum bemüht, den Seiltanz zwischen Techno, House und Dub so spannend wie möglich zu gestalten. Für sich selbst und für die langsam größer werdende Fangemeinde, die zu solchen Acts kam.

 

Die herkömmlichen Clubs (der Keller im Kulturpalast des Rayons und ein paar verschlissene Komsomolzen-Buden) waren den Techno-Kraten damals nicht gerade freundlich zugetan, so daß einige Zeit lang entweder das Liliput-Openair oder der eigentlich immer illegale Garagen- oder Fabriks-Gig das Biotop von Andrij und Konsorten (-innen gab es damals noch nicht) blieb.

 

 

Vorstadt-Lada des Herrn Andrejitsch

Танец живота в подвале

 

 

 

Ein gewisser Stresspegel begleitete die Auflegereien immer. Einmal ging die Technik in die Knie, dann riss im Taumel irgendeiner ein Kabel ab (genau das Kabel), dann wieder erschien die Miliz, aber weder als Freund, noch als Helfer und auch nicht um mitzutanzen, zu –trinken, zu –rauchen, zu –naja. Unannehmlichkeiten der fortgeschrittenen Art eben.

 

Andrij bewies Steherqualitäten, schaffte es als Erster, in einem vergammelten Arbeiterheim einmal im Monat als so etwas wie ein „Resident DJ“ aufzugeigen und gleichzeitig dadurch ein Freizeitbudget zu erwirtschaften, das es anfangs immerhin gestattete, sich zwei bis drei Flaschen lizenzierten, nicht gepanschten Fusel (oder gar Gepflegteres) plus ausreichend Tabak für die ganze Nacht für sich und sein Gefolge zu leisten.

 

Mit dem Ausbruch des Internets und all seiner Verzweigungen kam Andrij in die Lage, sich weiter zu professionalisieren zu können. Dies bedeutete auch, in einem damals ziemlich angesagten Club einen eigenen Technoabend bestreiten zu dürfen. Resident im „Schiwot-Club“ (Wer jemals dort war versteht, warum der Klub „Bauch“ heisst), zunächst ehrenamtlich (Der Boss: ein stadtbekannter Knauserer), dann (neuer Boss, eine Nummer grosszügiger) mit Gage bereits im Gegenwert mehrerer Stangen Westzigaretten. Andrij mauserte sich und nannte sich fortan „M-EJECT“.

 

Ein mehrfach gebrochener Manierismus. Ähnlich exquisit, als würde man seine Tochter Zavodna-1 (etwa: Fabrika-1) taufen.

 

Antonow-24: Fliegen für Hartgesottene

Dub-Техно ? На пятой полке наверху !


 

Andrij hatte es in die erste Liga der „osteuropäischen“ Elektro-DJs geschafft. Leben kann er davon heute noch immer nicht. Wie so viele auf der Welt ist er quasi Nebenerwerbs-DJ (wie etwa Arcash in Kiew: DJ und Taxist). Auf seinen ganz aktuellen Broterwerb - der eigentlich keiner ist – komme ich später noch zurück. Jedenfalls sind die einschlägigen Kanäle des www (Mixcloud, Soundcloud, Youtube) bestens bestückt mit bekömmlicher Ware zwischen House, Techno, Deephouse und Dub.

 

 

 

Bemerkenswert auch die bisweilen „hardcore-retro“-mäßigen Visuals (pflichtschuldigst in Schwarzweiß). Sehr gerne hätte ich Andrij, unseren Meisterelektriker aus Charkow persönlich getroffen und ihm ziemlich viele Fragen gestellt. Fast wäre es auch gelungen. Aber dann kam eine Megaevent dazwischen, wo Andrij nicht nein sagen konnte und wollte. Er ist nicht in Charkow, nein, auch nicht im Westen, er hatte mir virtuell und schlicht geantwortet:

 

„Schön, dass ihr meine Musik schätzt. Ich würde gerne mit euch abhängen, bei coolen Technosounds und einem Bier. Leider geht das momentan nicht. Ich bin derzeit im Einsatz in der ATO.“

 

ATO ? "Zone der antiterroristischen Operation".

 

Was Andrij dort macht ? Was für eine Frage ! Nicht Musik, nicht Urlaub. Leute, Andrij ist im Krieg !

 

 

 

Der Techno muss warten. Und keiner weiß, wie lange. Печальная история !

 

 

 

ENDE *** КОНЕЦ

DRUSCHKOWKA: ODE AN EINE VERBRECHERIN *** Д-горит !

Eine verkorkste Referenz an Colin Thubron & Bruce Chatwin (Was machen wir hier ?)

Supermarkt "ATB" im sog. Herzen von Druschkowka

 

Achtung !

Der folgende Artikel hat einen stark reduzierten Wahrheitsgehalt. Der Autor, Herr Urban, bestand aus Sicherheitsgründen auf dieser Version der Wahrheit  Wir entschuldigen uns für eventuell auftretende Unschärfen, Brechungen und west-östliche Rückkopplungen ...

Внимание !

В этом отчете используются вымышленные элементы и не изображается полная реальность города Дружковка !

 

 

 

EINS: Korrosion des Westens  ***  Коррозия Запада

 

Herr Urban: Ich habe keine Zeit. Ich fühle mich gehetzt und verletzt bin ich auch.

Du stehst am Schlauch brüllt der Chef und: so mach doch mal hinne und gewinne - Land, nimm die Beine in die Hand. Nimm Dir ein Beispiel an diesem russischen Jungspund mit dem seltsamen Namen ... was ? Noize MC heißt er ? Grelle, schnelle Töne und Worte schreibt er, singt er, brüllt er aus Moskau zu uns herüber. Meinetwegen. Urban !!! Послуши меня и будь очень внимательны ! Ты знаешь свою миссию, так что заблудись и принеси мне историю, заслуживающую этого имени и не оскверняющую нашу. Все ясно ? (Zähne knirschen und es sind nicht die des Chefredakteurs ...)

 

Konstantinowka

 

ZWEI:  Teufelsroller oder Russen  ***  Русская закуска

 

 

 

Herr Urban: Nein danke, ich habe gerade vorhin im Bahnhofsrestaurant diniert. Sehr freundlich !

 

Ko-Passagier im Waggon 18: Пожалуйста, попробуйте! Все самодельное. Моя дочь - отличный повар. Хотя она слепа в течение трех лет.

 

Herr Urban: Das tut mir sehr leid. Nun, trinken wir auf Ihre Tochter. Gott möge ihr das Leben erleichtern und 2014 vergessen machen !

 

Hier, Schnaps aus dem Westen, eine humanitäre Spende an den Osten ! Budmo ! Zum Wohle !

 

Ko-Passagier im Waggon 18: Могу я представиться. Меня зовут Игорь Богданович, ну: Игор.

 

Herr Urban: Igor ? Moment ! Kennen wir uns nicht aus dem Jahr 2014 ? ... Dieser kalte Winter ... die Menschenmassen ... der Nebel überall ...

 

 

 

DREI:  Vorläufig nicht freigegeben  (Paragraph 901) ***  Пока что не выпущен (Цензурируется в соответствии с разделом 901)

 

 

 

XXX

 

 

 

VIER:  Die Todespizza  ***  Пицца мертвая

 

Herr Urban: Официант, эта пицца должна быть утилизирована в ограниченном военном районе. И вы, шеф-повар пиццы и босс, я должен был перевезти в Италию на Ми-24 и посмотреть настоящую пиццу, выпекающую там месяц. Усиленная стажировка! Это место позор для Дружковки, для Донбасса, для Украины и для сообщества всех народов !  (Übersetzung auf Deutsch folgt. Vielleicht)

 

 

Charkow Passaschirsky (Hbf)

FÜNF:  Druschkowka 24/7

 

(Hr. Urban, Red.) Druschkowka lächelt unmerklich (Sowok ?) am Tag, es zieht die Stirn Kraus am Abend und eine Strumpfmaske über um Mitternacht, es legt diese wieder ab, kurz bevor die erste 4er Tramway Richtung Südwest (Skulpturenpark) aufbricht. Druschkowka redet sich nicht raus, es redet nicht um den heissen Brei herum - es redet meistens überhaupt nicht.

 

Es gibt sich zufrieden mit seinem rostigen Bahnhof, seinen under-under-statement Datschen, seinen eineinhalb Wehr-Hotels, seinem leeren Lenin-Sockel, seinem nicht existierenden Freibad. Es hat sich abgefunden mit seiner absoluten Bedeutungslosigkeit, schraubstockähnlich eingeklemmt zwischen der Donbass-Submetropole Kramatorsk (das derzeitige Ersatz-Donezk) und dem bizarren Wachturm Konstantinowka (mit Blick bis nach Lugansk, naja: fast).

Druschkowka Hbf.

 

 

Druschkowka lügt nicht und steht zu seiner harten Schale (Sowok ?), dessen weicher Kern - sofern überhaupt vorhanden - für den Nicht-Residenten nicht greifbar ist. Die Stadt frönt noch viel mehr als andere Städte der Ukraine dem Okkultismus. Der Hinterhof-Kult in Kiew, Lwiw, Odessa ist nichts im Vergleich zur Total-Camouflage, in die sich Druschkowka tagaus tagein hüllt. "Bei genauerem Hinsehen", diese Wendung bekommt in Druschkowka eine neue Dimension, eine der Vergeblichkeit.

 

 

Der nicht Einheimische klappert sämtliche Ecken dieser Stadt der "Freundschaft" (=russ. Druschba) ab. Er klappert und klappert und klappert, aber sein Forscherdrang erntet kaum Früchte. Freilich, am ersten Tage fütterte Druschkowka den Eindringling mit ein paar Attraktionen, mit der Absicht, ihn dann schnellstmöglich zum Weiterwandern Richtung Kharkov, Pokrovsk oder Soledar zu bewegen.  Allerdings bewirkte das zunächst nur eine Anstachelung dieses penetranten Individuums mit Namen U. Aussitzen ! So meint man Druschkowka murmeln zu hören. Und so geschieht es auch.

 

 

Tram Nr. 4 in Druschkowka

 

Die anfangs recht bekömmliche Pizza schmeckt plötzlich nach Gas, das Sushi nach Panzergetriebeöl, der Kaffee nach Schiesspulver, der Tee nach alten Freischärler-Stiefeln und die vormals grossartigen Teigtaschen vom Markt nach nichts. Die Friseurin grüsst nicht mehr, die Masseurin verlangt plötzlich Westpreise (das 5-fache !), die Rezeptionistin im Hotel findet zunächst den Pass des Gastes nicht mehr und meint kurz darauf, dass dieser im fernen Torezk sei und dort abgeholt werden soll - innerhalb der nächsten fünf Stunden. Begründung: Denkste bzw. keine !

 

Dies erfordert fluchtartigen Aufbruch und eine one-way Harakiriaktion per Taxi. Ein Fusstritt und kein Auf Wiedersehen, so behandelt Druschkowka ungebetene Gäste, gebetene gibt es ohnehin nicht. Von wegen Freundschaft. Druschkowka, du solltest Неприкасаемая heissen (die Unberührbare) ! Verbrecherin, Du ! И я сейчас  ухожу ...

 

 

 

 

 

ENDE *** КОНЕЦ  (vorläufig/предварительно)

KWASS: 72 JUNGFRAUEN ODER POLIKLINIK *** Квас: 72 Девы или поликлиника ?

 

Kwass-Trinken für Dummies und für solche, die es nicht bleiben wollen

Kwass-Ausschank in Sewastopol (2008)

Erster Teil *** Первая часть

 

Die einen fahren gen Ost, werden durstig, sehen an der Straße einen einachsigen Tankwagen und werden neugierig, pirschen näher und bestellen bei der am Zapfhahn sitzenden pausbäckigen Dame „einmal Kwass“. Lassen sich die XL-Portion aufschwatzen. Zahlen. Treten fünf Schritte zur Seite und leeren den halben Liter in weniger als einer Handvoll Zügen. Dann passiert: zunächst einmal nichts. Diese einen fahren mit ihrem touristischen oder anderwärtigen Tagesprogramm fort und gestatten sich in aller Entpanntheit „den Herrgott einen guten Mann sein zu lassen“. Warum auch nicht. Sie wähnen sich völlig unschuldig und erwarten nichts Böses. Aber auch sie haben irgendwann von einem gewissen Herrn Montezuma gehört.

 

Und da so gut wie jedes Reiseland über eine oder mehrere Tücken verfügt, schickt es sich auch hier, dass die tückische Variante sich entfaltet. Die einen orten zunächst eine kaum wahrnehmbare Seismik in ihrer Körpermitte. Nicht der Rede wert, denken sie und nehmen die nächste Aktivität (die Shoppingmeile, das nächste Museum, das idyllisch gelegene Cafe …) in Angriff – das heißt, sie wollten dies tun. Der ostslawische Montezuma hat andere Pläne, er will diesmal sozusagen Gefangene machen. Und das tut er auch, mit sich rasend entwickelnder Vehemenz sorgt er dafür, dass der noch in den unteren Schlingen des Darms der einen befindliche Kwass sozusagen gezündet wird.

 

 

Gottlob sind die einen weitsichtig genug, rechtzeitig einen ganz gewissen Ort samt Abklingbecken aufzusuchen. Dennoch gestaltet sich der Zieleinlauf derart knapp, dass die einen mit bloßer Nasenlänge vor den Absichten des Kwass-e-zumas die Etappe gewinnen und somit gerade noch ihre Menschenwürde bewahren können. Man stelle sich vor: die einen, auf der Flaniermeile von Kiew, der ältesten ostslawischen Metropole. Der riesige Boulevard, die mondänen Geschäfte und Restaurants samt prall gefüllten Gastgärten, tausende Promenierer und dann plötzlich diese einen, die …. Lassen wir das !

 

 

 

Zurück zum Kern der Sache: was ist der worst case für unsere einen ? Mit welchen Folgen oder gar Spätfolgen haben sie zu rechnen ? Ein verpatzter Urlaub ? Ein längerer Krankenstand  ? Die Flugambulanz ? Eine OP in einem Lande fern der Heimat, in einer eher befremdlich anmutenden Poliklinik ? Oder gar Invalidität, dauerhafte ? Die letztliche Bestattung auf einem zwar lieblich gelegenen, aber dennoch nicht gewünschten ukrainischen, russischen, belarussischen Friedhof ?

 

 

 

An dieser Stelle scheint es angemessen, den geschätzten Lesern und Leserinnen zuzurufen: Entwarnung ! Und: Entgegnung ! Der worst case nach übermäßigem (mehr als 5 Liter Tagesration) oder unsachgemäßem Genuss (mehr als 5 Liter Tagesration, sic !) von Kwass sind recht schlichte Symptome. Blähungen leichtgradiger Natur und/oder optimierter Stuhlgang (nicht: Diarrhoe), letzteres ein Hinweis auf eine Vielzahl nachgewiesener positive Effekte im Bereich des Darmterritoriums.

 

 

 

Und das mit diesem Montezuma schreiben wir der galoppierenden Fantasie des Herrn Urban zu. Ergo: Unseren einen passiert keinesfalls Schlimmes, eher im Gegenteil, aber dazu später im 2. Teil, wo Sie erfahren, wie die anderen die Sache mit den 72 Jungfrauen in der Kwass-Halle bewältigen.

 

 

ENDE *** КОНЕЦ  (vorläufig/предварительно)

SÜDMÄHREN OHNE BIER *** ЮЖНАЯ МОРАВИЯ БЕЗ ПИВА

Bürgerkrieg, Einmarsch oder Apathie ? Eine authorisierte Fiktion.

Das nordmährische Derby: Radegast vs. Ostravar

(1)

Und dann passiert eines Tages das: was alle Billig- und Qualitätsmedien seit Jahren herbeischreiben, was Populisten zu Wasser und zu Lande und neuerdings sogar per Drohne in uralter Kassandratradition herbeiposaunen. Mit – wie Fachärzte resigniert murmeln – krankheitswertigem Verlangen nach Leid, Verlust und Katastrophe, nach unfreiwilliger Enthaltsamkeit, eiskalter (eigentlich: lauwarmer) Ernüchterung und lähmendem Nichts. Angstlust, so wurde schon vor dreißig Jahren geschrieben, im Westen freilich, Angstlust vor was denn eigentlich ?

Im Regal hatten wir damals: das Waldsterben, die Atomkraft und den Kalten Krieg, Seuchen (auch hier: zu Wasser und zu Lande), Krisen, Kriege, die Gier des militärisch-technischen Wirtschaftskomplexes, sowie die jeweiligen Irrungen der nationalen Regierungen – sozusagen die Herren über den eigenen Schrebergarten.

Vorbote des Beinahe-Bürgerkriegs ? Graffito in Brno.

 

Und was fürchtete der Osten ? Natürlich die unfreundliche Übernahme durch den Westen, natürlich dachte man damals vor allem und eigentlich ausschließlich an die militärische Variante: die Amerikaner werden uns in Schutt und Asche bombardieren, wenn wir nicht … und daher … Genosse Stachanow bliebe jahrzehntelang der Untote, in dessen Andenken man Schutzwälle aufwarf, Stacheldrähte aufzog und monströse Abwehrgeschütze gen Firmament richtete.

Dazu noch der ganze Fuhrpark auf fahrenden, fliegenden und schwimmenden bis tauchenden Fahrzeugen aller Art. Vor lauter Achtsamkeit gegenüber dem zu St. Nimmerlein eventuell anrückenden Klassenfeind hatte man bald all das Pulver verschossen, das man gemeinhin dazu benötigt, um Volkswirtschaften mit dem Nötigsten zu versorgen. Im traurigen Sinne legendär all jene Erzählungen aus der SU, in denen es um Schlange stehen und den permanenten Mangel an Toilettenpapier zwischen Odessa, Leningrad und Riga ging.

Man hatte die Rechnung mit dem – wenn schon nicht ohne, dann – mit dem falschen Wirt gemacht, denn die Implosion der SU war keine militärisch bedingte. Der Blitz schlug auf der ganz anderen Dachseite ein. It`s the economy, stupid – so die allerorts bekannte und mittlerweile zu Tode zitierte Weisheit aus dem weißen Hause Clinton.

 

Eskalation am Pissoir, (Hodonin)

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Aber es soll hier keine redundante Analyse rund um den Fall des sog. Eisernen Vorhangs von statten gehen. Wir waren eigentlich bei den Ängsten des gemeinen SU-Bürgers bzw. (mit Abstrichen) des Ostblock-Bewohners von nebenan. Also, was fürchteten sie noch außer dem militärischen Donner aus dem Westen ? Nun, hausgemachte Ängste auf niedriger Flamme (aber mit erheblicher Langzeitwirkung) waren durchaus eine effizientes Regulativ, das Vater Staat lange erfolgreich zur Dressur seiner Bürger einsetzte. Ein mäßig sympathisches Sammelsurium aus „Diensten“, Behörden, Beobachtern, Aufpassern und „Internen Mitarbeitern“ sorgte dafür, dass die privaten Nischen sich nicht übermäßig Richtung Öffentlichkeit ausdehnten. Ein überdurchschnittlich heftig pubertierender Sohnemann etwa war durchaus dafür geeignet, das mühsam in Balance gehaltene Seil zwischen Familie X. und dem Staat ins Wanken und die – zumindest – beruflichen Gleise der Familienmitglieder zu beschädigen.

Grüne Heimleuchtung in der Vorstadt (Jihlava).

Was er getan hatte, der Sohnemann ? Nun, vielleicht tat er kund, dass er die Arbeiter und Bauern nicht mit der Waffe verteidigen möchte, überhaupt nicht verteidigen möchte. Machte er im Sinne der sozialistischen Ökonomie des Geistes kehrt und Männchen und auf Reue, so wurde so getan, als wäre nie etwas gewesen. Wobei man nie wusste, was Jahre danach noch kam. Papa beantragt einen kleinen Zubau zur Datsche, Mama möchte ihre Schwester im kapitalistischen Ausland besuchen … Und die Antworten kommen nicht und nicht, bis es sich erübrigt hat. Bums.

Köpfe zusammenstecken am Freitagabend (Přerov).

Apropos, der Bums von 1986 vor natürlich hier wie dort nicht ohne Wirkung. Tschernobyl, eine Autostunde nördlich von Kiew. Die Zentralukraine im Aufruhr, das ZK in Moskau im Grübeln, die Sensoren von Schweden bis Österreich ebenso. Angst ? Natürlich und vor allem in der Zentralukraine (und natürlich im Westen), der Rest der SU blieb „dank“ der zurückhaltenden Informationspolitik der sowjetischen Behörden bei seinem Leisten. Es dauerte einige Zeit, bis die haarsträubenden Erlebnisse der sognannten Liquidatoren (aus allen Teilen der SU) die Wahrheit/en über die Katastrophe über die Union verteilt hatten. Und einige dieser schwarzen Sendboten waren ja schneller verstorben, als sie nach irgendetwas hätten gefragt werden können.

 

Weitere Ängste ? Kaum, die Presse veranstaltete im Osten keinen solchen Rummel rund um Ängste aller Art, Motto: wovor könnten wir uns noch fürchten ? Wir stellen also mittels zugegeben kurzer Analyse fest: Vor 1991 gab im Westen eine Vielzahl, im Osten eine begrenzte Zahl von Ängsten.

 

Bier aus dem Tank, alias "Tankove Pivo" (Bahnhofs-Resti in Břeclav)

All das ist nichts gegen das Szenario, welches westliche UND östliche Dienste uns jüngst zukommen ließen.  Es ist exakt jenes Szenario, vor dem die staatlichen Behörden hüben, noch mehr aber drüben mächtig Bammel haben. Ein als „im Grunde unbeherrschbares“ Szenario. Und eines, mit dem derzeit keiner rechnet, auf das sich keiner vorbereitet (Vorsorge), über das kaum einer bisher sich Gedanken machte.

Wir wissen, dass der Terminus Vorsorge einer des Westens ist. Zwar wurde er im Laufe der letzten Jahre mit einigem Aufwand auch den Brüdern und Schwestern jenseits Thaya und March eingeimpft, aber das Sicherheitsbewusstsein lässt zu wünschen übrig. Und so haben nicht zufällig österreichische Versicherungen eine Task Force gegründet, um … (Fade out).

 

In äusserster Not - nur dann: ein Litovel (Zahorska Ves, SK)

 

(II) Neubau nach Einsturz

 

Keywords (Rekonstruktion nach verschwundener Datei): Das ist die tiefliegendste, die schlimmste aller Ängste der Mährer (und eigentlich auch der Böhmen): der Bier-Engpass. Wegen ?? (Ursache eventuell offen lassen) Nordmähren will nicht einspringen. Rationierung in Südmähren führt zu Überfällen und Plünderungen. In Břeclav kommt es zu … Die Gleise der Bahn zwischen Brno und Přerov werden blockiert, Přerov wird belagert und zur Herausgabe einer größeren Menge von  Bier (40 LKWs) aufgefordert, andernfalls…

Grenzorte der Slowakei sind entweder zu Flüchtlingscamps (mit Zapfhähnen) oder zu Orten verbrannter Erde (sämtliche Biervorräte geleert) geworden.

 

 

Die Schlossbrauerei zu Břeclav, Prädikat: besonders wertvoll

!

Österreich ist fürs Erste (auch fürs Zweite, wenn man der Qualitätsunterschied der Biere hier und dort bedenkt) vor Übertretungen sicher, entscheidet sich aber doch, Militäreinheiten entlang der Grenze zusammenzuziehen. Wahrscheinlich, um später nicht eine preisgegebene Bierfluchtroute schließen zu  müssen. Nordmähren hat dicht gemacht, die Böhmen sowieso – kein Tropfen fließt mehr nach Südmähren.

 

Inzwischen sind zehntausende südmährische Bürger in einen unbefristeten Hungerstreik getreten und in einen Durststreik gleich dazu. Die Regionalregierung in Brno soll in die Knie, die Kapitale Prag zum Nachdenken und die internationale Staatengemeinschaft zum Eingreifen gezwungen werden.

 

Der südmährische Eber ("Kanec") aus Břeclav.

Nach einigen Tagen landen Transportflugzeuge aus Russland, um die rasenden Südmährer zu beruhigen – mit 100 000 Liter Faßbier, welches direkt aus den Flugzeugen mit armdicken Schläuchen zur angespannten Menschenmenge am Flughafen dirigiert werden soll. Kübel, Flaschen, Töpfe, Kanister und sogar Blumenvasen haben diese Ärmsten mitgebracht. Allein, die Dankbarkeit an die slawischen Brüder aus dem Osten hält ich in Grenzen. Zwar stimmt fürs Erste die Menge des Gerstensaftes. Aber der Geschmack ! Unter jeder Kritik raunen viele und: zum Mond fliegen sie und dann braunen sie SO ein Bier ! Tja, diesbezüglich sind unsere lieben Mährer überaus verwöhnt und bringen es sogar in lebensbedrohlichen Notlagen wie dieser fertig, ihrem geliebten Bier nachzuweinen und die zweifellos gut gemeinte Zwischenlösung zu verdammen.

 

Zwielichtiges Vergnügen in Brno

Wir überspringen nun mehrere Etappen dieser unsäglichen Entwicklungen und verweisen auf die vielversprechende Entscheidung des internationalen Biertribunals zu Erding. Dieses erkannte nach nervenzerfetzend langen vier Wochen, dass die vom Westen übernommene Brauerei St. B. in Brno ihre Anlagen per sofort wieder in Betrieb zu setzen hat. Der Untersuchungsbericht des Tribunals verwies explizit auf die offensichtlich absichtlich herbeigeführte Explosion in Block fünf des Brauhauses. Es sei durchaus möglich, die Blocks eins bis vier hochzufahren und im Dreischichtbetrieb den Bierausstoß so hoch zu gestalten, dass damit innerhalb einer Woche die schlimmsten Notsituationen – vor allem der am schlimmsten betroffenen Bevölkerung in den entlegenen Dörfern an den Karpatenhängen – bereinigt werden könnten.

 

Als kurzfristige Maßnahme stellt das Tribunal zugekaufte Trinkressourcen aus der Slowakei und Böhmen zur Verfügung. Tanklaster sowie mehrere Transporthubschrauber seien bereits unterwegs und würden noch heute in den zentralen Krisengebieten landen. Die im Anhang aufgelisteten Dörfer werden ersucht, sofort geeignete Landeplätze für die Rettungshelikopter an das Tribunal zu kommunizieren und vor Ort gut sichtbar zu markieren. Es wird abschließend darauf hingewiesen, dass pro Haushalt maximal 20 Liter Bier zugeteilt werden.

 

Frisch Gehopftes in Südmähren: Bernard****

Reaktion der Bevölkerung ? Schweigen und ungläubiges Warten.  Doch tatsächlich ! Bereits in den frühen Abendstunden schweben die ersten Helikopter über Rohatec, Uherske Hradiste und Zlin ein. Und da, da stürmen sie heraus aus ihren Wohnblocks, Bungalows, Katen und Datschen ! Keinen hält es mehr in der Stube, alle empfangen sie wild gestikulierend die heldenhaften Lebensretter, welche da vom dunkelgrauen Himmel schweben. Soldaten springen aus dem Gerät, die ganz bestimmten Schläuche bereits in ihren kräftigen Händen stemmend. Da, der erste wird bereits gerettet, seine Familie, seine Verwandten, auch die Nachbarn, das Dorffaktotum, die Gemeindebediensteten, der Pfarrer und die 102-jährige Dorfälteste. Sie alle jubeln, danken dem Tribunal, den Hubschrauberlern und: Gott. Nebenbei fielen zwei Details auf: 1. Der Landeplatz für den Hubschrauber (gleich neben dem Fischteich) war vorbildlichst markiert, vom Bürgermeister höchstselbst 2. Bei allem Jubel war die Ehrerbietung für das dargebrachte Trinkgut so hoch, dass nicht ein Tropfen Bier verschwendet, also verspritzt wurde.

 

"Ab Hof"-Verkauf in der Brauerei Je